Creative Commons Lizenzvertrag

Diplomarbeit als pdf (500 KB)

Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines Diplom-Soziologen über das Thema

Schulden aus "Liebe"?

Warum Frauen sich zu Gunsten anderer verschulden, über ihre Vorstellungen von Weiblichkeit und ihr Leben mit Schulden, sowie den Möglichkeiten, Abhängigkeit und Überschuldung zu vermeiden und trotz Schulden zu überleben.

 

eingereicht bei: Prof. Dr. G. Althaus
von cand.: E. Janßen
Datum: 15.04.1993

Danksagungen

Diese Diplomarbeit hätte ohne die Inspiration und die Unterstützung, die ich erfahren habe, nicht geschrieben werden können.

Mein besonderer Dank gilt:

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 persönliche Vorbemerkung

1.2. Fragestellung

2. Methode

2.1 Auswahl der Methode

2.2 Auswahl der Interviewpartnerinnen

2.3 Durchführung der Interviews

2.4 Transkription der Interviews

3. Auswertung der Interviews

3.1 Biographie

3.2 Verschuldung

3.3 Trennung

4. Zusammenfassung

5. Schlußfolgerungen

5.1 Forderungen

Anhang:

 

Einleitung

1.1 persönliche Vorbemerkung:

Auslöser dieser Arbeit waren meine eigenen Erfahrungen mit "Schulden aus 'Liebe'": Ich hatte mich von meinem damaligen Freund dazu überreden lassen, für ihn auf meinen Namen ein Gewerbe anzumelden. Innerhalb von kürzester Zeit gelang es ihm, diese Firma zu ruinieren, woraufhin er die Flucht ergriff, und ich mich nach der Abmeldung einem Schuldenberg gegenüber sah.

Seitdem versuche ich, zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, und warum ich mich darauf überhaupt eingelassen hatte, obwohl ich es von Anfang an eigentlich gar nicht wollte.

So begann ich, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und musste daraufhin zunächst feststellen, dass ich nicht als einzige "überschuldet" war:

"Schulden zu machen" ist heute so einfach wie noch nie und wird auch überall propagiert, so dass "Überschuldung" von privaten Haushalten zu einem Massenphänomen geworden ist.

Als "überschuldet" gelten Personen, deren Einkommen nicht mehr ausreicht, um Kreditraten abzuzahlen, ohne dass dadurch das Existenzminimum gefährdet würde. Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, auch der Wegfall der Berlinzulage u. a. können zu einem Sinken des verfügbaren Einkommens führen, so dass Abzahlungsvereinbarungen nicht mehr eingehalten werden können, und die "Schuldenspirale" ihren Anfang nimmt: Um- und Neuverschuldungen führen dazu, dass die Kreditsumme inklusive der Zinsen ständig wächst, bis der Punkt erreicht ist, an dem der Kredit gekündigt wird: Die gesamte Summe ist nun sofort fällig - für einen Schuldner, der selbst die Raten nicht mehr bezahlen kann, eine unerfüllbare Forderung.

So häufen sich Mahn- und Vollstreckungsbescheide, bis die Abgabe der eidesstattlichen Versicherung unumgänglich wird, der Gerichtsvollzieher in der Wohnung ein und aus geht, Lohn- und Kontenpfändungen erfolgen...

Den Gläubigern stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung, Schulden einzutreiben und Schuldner zur Verzweiflung zu bringen.

Schuldner finden sich schnell in einer neueren Variante des "Schuldturms" wieder, aus dem es oft kein Entrinnen mehr gibt:

Gläubiger versuchen mit allen Mitteln, und das kann als Strategie angesehen werden, selbst noch Geld zu bekommen von Schuldnern, die offensichtlich zahlungsunfähig sind. Dies bedeutet für Schuldner oftmals, selbst um das Existenzminimum kämpfen zu müssen: Wenn der nicht pfändbare Teil des Lohnes auf dem Konto ist, kann er dort gepfändet werden; auch können Lohnpfändungen zum Verlust des Arbeitsplatzes führen, so dass dem Schuldner jede Möglichkeit genommen wird, die Schulden zu bezahlen usw.

Nachdem ich zwei Jahre lang damit beschäftigt war, die schlimmsten Konsequenzen meiner Überschuldung zu mildern, war es mir zumindest gelungen, meinen Lebensunterhalt vor den Zugriffen der Gläubiger zu schützen, so dass ich mit meiner Diplomarbeit beginnen konnte.

Das Thema "Schulden aus 'Liebe'?" bot sich dabei an, da ich auf Grund meiner eigenen, unfreiwilligen Erfahrungen bereits über Vorwissen verfügte. Ich beschloss daher, der Frage nachzugehen, die mich auch persönlich am meisten interessierte: Warum verschulden sich Frauen zu Gunsten ihrer Männer/Lebensgefährten? So begann ich die Suche nach Frauen, die ich dazu befragen könnte (s. Kapitel 2.2.2) und stellte dabei fest, dass ich nicht die erste und einzige war, die "Schulden aus 'Liebe'" gemacht hatte.

1.2. Fragestellung:

Das Thema meiner Arbeit sind Schulden aus "Liebe", d. h., Schulden, die Frauen ihren Ehemännern/Lebensgefährten zuliebe, bzw. diese auf Kosten ihrer Frauen und in deren Namen machten, und für die die Frauen heute aufkommen müssen. Mein Hauptinteresse war dabei, zu untersuchen, wie die Beziehung der Frauen zu ihren Männern gestaltet war, als sie sich verschuldeten: Taten sie dieses wirklich "ihm zuliebe"? Wussten sie vielleicht gar nicht, was sie taten, welches Risiko sie eingingen und welche Konsequenzen das für ihr Leben haben könne? Haben sie ihren Männern einfach nur zu sehr vertraut? Welche Hoffnungen, Vorstellungen, Wünsche verbanden sie mit der Verschuldung, und welche ihre Männer?

Oder wurden sie von ihren Männern dazu gezwungen? Auf welche Weise, und welche Rolle spielte dabei physische Misshandlung?

Wie setzten sie sich gegenüber ihren Männern zur Wehr? Wie reagierten diese? Warum gelang es den Frauen nicht, die Verschuldung zu verhindern? Warum trennten sie sich nicht früher, warum blieben sie so lange bei ihnen? An welchem Punkt trennten sie sich dann doch, und warum?

Meine These dabei ist, dass alle Frauen die in unserer patriarchalen Gesellschaft herrschenden Vorstellungen von Weiblichkeit mehr oder weniger stark verinnerlicht haben, was die von mir befragten Frauen daran hinderte, sich effektiv gegen die Verschuldung zu wehren, bzw. diese zu verhindern:

In unserer Gesellschaft beinhaltet Weiblichkeit mehr als die von der einzelnen Frau erfahrene Unterdrückung. Sie ist unauflöslich und oft undurchschaubar mit dem Bild von Weiblichkeit verwoben. Weiblichkeit ist die unbewusste und bewusste kollektive Produktion von Selbst- und Fremdbildern im Rahmen gesellschaftlicher Strukturen, geprägt vom Mann als herrschendem Geschlecht. Frauen sind patriarchalischen Strukturen in doppelter Weise unterworfen: durch männliche Vorherrschaft und durch Internalisierung der gesellschaftlichen Konzeptionen von Weiblichkeit, die in weiblichen Selbstbildern ihren Ausdruck finden. (Brückner, 1991)

Ich habe daher in dieser Arbeit untersucht, welche Vorstellungen von Weiblichkeit die befragten Frauen hatten, wie diese ihr Verhalten beeinflussten, welche Rolle diese bei ihrer Verschuldung spielten, sowie, welche äusseren Faktoren zu ihrer Verschuldung führten, und welche Konsequenzen sich daraus für sie, ihre Kinder und ihr zukünftiges Leben ergaben.


zum Inhaltsverzeichnis | weiter